Angst ist ein unausweichlicher Bestandteil des
menschlichen Lebens und begleitet den Menschen in all
seinen Entwicklungsstadien. Angst tritt in Situationen
auf , denen wir uns nicht oder noch nicht gewachsen
fühlen.Jede Entwicklung und jeder Reifungsschritt ist
mit Angst verbunden, da er uns in etwas Neues führt, was
wir bisher nicht gekannt oder gekonnt haben und uns mit
inneren und äußeren Situationen konfrontiert ,die wir
noch nicht und in denen wir uns noch nicht erlebt haben.
Da unser Leben uns ständig in unbekannte und unerfahrene
Situationen führt, begleitet uns Angst beständig. Ins
Bewußtsein kommt die Angst am ehesten in den Phasen
unserer Entwicklung, in denen wir vertraute Wege
verlassen müssen und neue Aufgaben zu bewältigen haben
oder Wandlungen anstehen. So haben Entwicklung, Erwachsen
werden und Reifen viel mit Angstüberwindung zu tun und
jedes Alter hat entsprechend dem jeweiligen
Entwicklungsschritt die dazugehörigen Ängste, die zum
Gelingen der Reifung gemeistert werden müssen.
Das Jugendlichenalter, die Phase der Adoleszenz, die
als Bindeglied zwischen Kindheit und Erwachsenenalter
gilt, ist geprägt von Verwandlungen, vielen Vorwärts-
und Rückwärtsbewegungen und stellt einen entscheidenden
Wendepunkt in den komplexen Beziehungen zwischen
kindlichem und erwachsenem Seelenleben dar. In der
Adoleszenz ist der junge Mensch mit bewußten und
unbewußten Ängsten konfrontiert, die es zu bewältigen
gilt. Dabei ist die Ablösung von den Eltern und den
damit einher gehenden Ängsten ein zentraler Punkt.
Der Wachstumsschub der Pubertät konfrontiert den
Jugendlichen mit seiner Genitalität und stößt ihn auf
das Inzesttabu, was ihn zur Umgestaltung des sexuellen
Verlangens zwingt. Mit der sexuellen Reife erwacht der
Hunger nach dem genitalen Liebesdialog. Gleichzeitig
kehren die unterdrückten ödipalen Phantasien in
vielfacher Verkleidung zurück und drängen auf
Wiederherstellung ihrer Oberherrschaft. Das
Inzesttabu, welches ursprünglich das kleine Kind davor
bewahrt hatte vorzeitig mit erwachsener Sexualität in
Berührung zu kommen, etabliert sich nun in der Seele des
Jugendlichen. In der Wiederbelebung des frühkindlichen
Trennungsprozesses und den damit einher gehenden Ängsten
bedarf der Jugendliche ein hohes Maß an aggressiver
Energie zur Lösung der Bindungen und Identifizierung.
Der Jugendliche befindet sich in einem Kampf um die
Ablösung von den Eltern in dem er das sexuelle Verlangen
außerhalb der Familie verlagern muß, was gleichzeitig
bedeutet, sich von der Familie abzuwenden und die
Idealisierungen der Kindheit aufzugeben. Dieser geführte
Kampf ist für Erwachsene nur schwer
nachzuvollziehen. Die Erwachsenen erleben den jungen
Menschen oft als ein Kind, das die bestehende Ordnung
durch Machtkämpfe und Trotzreaktionen aus den Angeln
heben will, und es fällt ihnen schwer zu begreifen, daß
das grenzüberschreitende und widersprüchliche Verhalten
ein mit großem Einsatz geführter Kampf gegen alle
Formen des Verlangens ist.
Zur Bekämpfung des Verlangens dienen dem Jugendlichen
verschiedene Abwehrmechanismen, die für dieses Alter
typisch sind. Ein Abwehrmechanismus ist z.B. die
körperliche Askese, die sich allerdings im Wechsel
zwischen Enthaltsamkeit und Nachgeben abwechseln kann.
Als Beispiel wären zu nennen: strengsten Diäten folgen
regelrechte Freßanfälle, ausgiebiges Befassen mit Mode
und Körperkultur wird abgelöst von der Verweigerung von
Körperpflege. Bleiben die Jugendlichen manchmal tagelang
im Bett liegen, so weigern sie sich manchmal überhaupt
zu schlafen. Gelegentlich überwiegt aber die Askese und
der Jugendliche führt einen kompromißlosen Kampf gegen
körperliche Genüsse, was sich darin äußern kann, daß
nur soviel gegessen wird, daß ein Überleben gesichert
ist.
Eine unauffälligere Form im Kampf gegen das Verlangen
äußert sich in der Kompromißlosigkeit des Denkens und
der Einstellungen und schützt so den Körper vor
Versuchungen. Der Jugendliche liebt oder haßt und eine
Versöhnung entgegengesetzter Standpunkte ist schier
unerträglich.
Im Laufe der Adoleszenz kann die kompromißlose
Abwehrhaltung auch Schwankungen unterworfen sein. Auf dem
Weg ins Erwachsenenleben muß der Jugendliche lernen
Kompromisse zu ertragen, die in der Balance zwischen dem
Streben nach Lust und der Notwendigkeit zur Beschränkung
liegen. Er muß einen Ausgleich zwischen widerstreitenden
Wünschen finden und ein gutes Zusammenspiel zwischen
Körper und Geist erreichen. Ebenso trägt die Anpassung
hoher Ideale an praktische Notwendigkeiten dazu bei, daß
intellektuelle Ziele, auf die der Mensch
zeitlebens zustrebt, in ihrer potentiellen
Unerreichbarkeit klar zu erkennen sind.
Im Kampf gegen das Verlangen, muß das Verlangen
siegen. Der Jugendliche muß über die Grenzen der
Kindheit hinauswachsen um an den Erfahrungen, die das
Leben jetzt für ihn bereithält teilhaben zu können.
Dabei spielt die Lösung der leidenschaftlichen
Bindung an seine Eltern eine zentrale Rolle.
Die Ablösung von den Eltern kann undramatisch
verlaufen, wenn der Jugendliche die Möglichkeit hat die
Vergangenheit schrittweise aufzugeben.
Sobald aber die durch inzestuöse Wünsche ausgelöste
Angst übermächtig wird, ist es nur schwer möglich, die
auch vom Scheitern bedrohte Ablösung auszuhalten. Um die
Angst zu mildern, kann es vorkommen, daß der Jugendliche
zu Strategien greift, die kurzfristig die Angst mildern,
auf lange Sicht jedoch selten erfolgreich sind. Die
direkteste Form, inzestuöses Begehren auf ein anderes
Ziel zu verschieben, ist die Flucht. Die Flucht,
tatsächlich oder sinnbildlich vollzogen, hinterläßt
die Sehnsucht nach einer Liebespartnerschaft, die der
Jugendliche so schnell wie möglich in leidenschaftlichen
Beziehungen zu erfüllen versucht. Die Flucht lenkt die
inzestuösen Sehnsüchte um, löscht sie aber nicht aus.
Um sich vor den Ängsten zu schützen, die das
inzestuöse Begehren auslöst, muß der Jugendliche nicht
zwangsläufig das Elternhaus verlassen. Auch Jugendliche
die ihre Libido nach außen lenken, ohne ihr Zuhause zu
verlassen, können genauso verzweifelt sein wie jene
Jugendlichen die von zu Hause weglaufen. Ihre
Übertragungsmethoden sind maßvoller und subtiler und
sie sehnen sich ebenso nach einer sofortigen Verschiebung
des sexuellen Begehrens. In Liebesbeziehungen, in die sie
sich Hals über Kopf stürzen, finden sie
Elternersatzfiguren. Ein Mädchen auf der Flucht kann
seinem Verlagen auf vielerlei Arten Ausdruck verleihen.
Es kann z.B. einen
idealisierten Führer anschwärmen, ein
Liebesverhältnis mit einem gleichaltrigen Jungen
eingehen oder auch einer Freundin bedingungslos ergeben
sein. Auch die Gruppe der Gleichaltrigen kann zum Ziel
des Liebesverlangens werden. Oft nimmt die Flucht die
Gestalt des ,,Ergebenseins" in eine Frau an, die vom
Alter zwischen dem Mädchen und der Mutter angesiedelt
ist.
Gelingt es dem Heranwachsenden sein Begehren von der
Familie abzuziehen, kann er die Werte der Eltern
abschütteln und alles von sich weisen wofür sie stehen.
Er hat sich von der ,erstickenden Liebe" befreit,
sie jeder Bedeutung entkleidet und ist so in der Lage als
grober und
rücksichtsloser Mitbewohner im Elternhaus zu bleiben.
Die Übertragung des Liebesverlangens auf ein anderes
Objekt ist der Ausdruck einer allmählichen Ablösung,
die für die Mehrzahl der Jugendlichen typisch ist.
Geschieht dieses jedoch abrupt, extrem und übersteigert,
so ist anzunehmen, daß die Libidoverschiebung einen
überstürzten Rückzug darstellt und langfristige Leiden
und Ängste einer schrittweisen Ablösung vermieden
werden sollen.
Ist die abwehrbedingte Flucht vor den Eltern extrem,
kann es zu nachteiligen Folgen kommen, insbesondere in
dem noch nicht abgeschlossenem Kampf gegen das Verlangen.
Wenn der Jugendliche den Eltern jegliche Werte und
Autorität abspricht, so kann er sich alle zuvor
verbotenen Gelüste erlauben. Diese
Uneingeschränktheit des Verlangens kann zu Promiskuität
und Jugendkriminalität führen.Andererseits besteht aber
auch die Möglichkeit, daß er sich Gruppen anschließt,
die gesellschaftlich akzeptierte Werte vertreten. Die
Gefahr des Inzests bleibt aber bestehen und die damit
verbundenen Konflikte und Ängste werden ins
Erwachsenenleben übertragen.
Eine weitere Variante die Eltern zu ~ besteht darin,
Liebesverlangen und kindliche Abhängigkeit in Haß,
Verachtung und Hohn umzuwandeln. Durch die Umkehrung der
Gefühle kann sich der Jugendliche der Täuschung
hingeben nicht länger von den Eltern abhängig zu sein.
Doch die Umkehrung der Gefühle bewirkt eher, daß der
Jugendliche sich stärker in das Netz der Familie
verstrickt. Bei der Flucht erhält der Jugendliche die
Möglichkeit Lust aus der Partnerschaft zu gewinnen ,was
ihm aber bei der Umkehrung der Gefühle in Haß versagt
bleibt und Feindseligkeit, Leid und Schmerz für alle
Beteiligten mit sich bringt. In der Umkehrung
manifestiert
sich das Bedürfnis sich vor der Inzestangst zu
schützen. Die gegen die Eltern gerichteten feindseligen
Wünsche sind von dem Jugendlichen oft nur schwer zu
ertragen. Statt dessen stellt er sich vor, die Eltern
würden ihn hassen und seien darauf aus ihn zu
schikanieren. Dein Jugendlichen erscheint die gesamte
Erwachsenenwelt und alles was sie repräsentieren, als
eine gegen ihn gerichtete Schikane. Er verstrickt sich
immer mehr in seine Haßgefühle, zieht sich in sich
selbst zurück und ist so nicht in der Lage sein
Liebesverlangen auf die Welt außerhalb der Familie
zu richten.
Eine andere Möglichkeit des Umschlags in Haß kann
sein, die gegen die Eltern gerichteten destruktiven
Wünsche gegen das eigene Selbst zu richten. Anstelle der
absehbaren Phasen von Kummer und Verzweiflung, die die
Ablösung mit sich bringt, kann es zu extremen und lang
anhaltenden depressiven Reaktionen kommen. Das Resultat
davon sind häufig Selbstbeschuldigungen,
Selbsterniedrigung und Selbstverletzung. Die Umkehrung
des Liebesverlangens in Haß wird somit zum heftigen
Selbsthaß. Ihren Ausdruck findet der Selbsthaß in
Selbstmordgedanken und- Phantasien. Werden sie in die Tat
umgesetzt, dann nicht aus dem Wunsch heraus das Leben zu
beenden, sondern als Flucht vor dem ins unermeßliche
gehenden Selbsthaß. Eine andere Variante kann die
völlige emotionale Hingabe an die Eltern sein. Hier wird
die Inzestangst gelöst, indem der Jugendliche auf ein
frühkindliches Stadium regrediert, in dem es noch keine
Grenzen zwischen dem Selbst und dem anderem gab. Er gibt
seine Persönlichkeit auf und wird zu einer Karikatur der
Eltern.
Der Großteil der Heranwachsenden bedient sich jedoch
weniger extremer Lösungen. In der Regel setzen die
Jugendlichen die verfügbaren Verteidigungsstrategien:
körperliche Askese, kompromißloses Denken, Verschiebung
des Liebesverlangens und Umkehrung von Liebe in Haß zu
verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen
Kombinationen ein, um so die Angst vor dem Inzest zu
lindern. In Zeiten, in denen sie den Konflikten zu
entfliehen versuchen, überantworten sie Körper und
Seele den Eltern.
Bei einer günstigen Ablösung gelingt es dem
Jugendlichen das zu bewahren, was wertvoll an den
familiären Liebesdialogen ist, und er weist so viel
davon zurück, daß Raum für neue und eigene
Möglichkeiten bleibt. So kann der Liebespartner des
jungen Menschen etwas Neues und Altes zugleich
repräsentieren. Mißlungene Ablösungen begünstigen
dagegen eine Partnerwahl, die sich an der vollkommenen
Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit an den Eltern
orientiert. Hier wird das Stereotyp zur unabdingbaren
Voraussetzung der genitalen Liebe. In der Regel sind
partielle, nicht gänzliche Wegverlegungen üblich. D.h.,
der Versuch, das Verlangen vom inzestuösen Objekt
abzuziehen gelingt nicht vollständig, der Heranwachsende
ist aber fähig seine sexuellen Wünsche zu akzeptieren
und seine moralischen Überzeugungen zu bewahren.
Eine mißlungene Wegverlegung äußert sich während
der Pubertät durch Plötzlichkeit, Intensität und
Überzogenheit der Abwehrmechanismen ,die in diesem Alter
typisch sind. In diesem Fall kann es dazu kommen, daß
der Jugendliche an die Eltern gebunden bleibt und keine
sexuelle Beziehung zu einem anderen Partner eingehen kann
bis dahin, daß der Inzest zur Realität
wird. Die Kampfbereitschaft des Jugendlichen und die
differenzierten Strategien die er braucht, um sich vor
der Inzestangst zu schützen zeigen ,daß ein großer
Unterschied besteht zwischen der Verdrängung des
kindlichen Liebesdialogs und seinem wirklichen
Verschwinden. In der Pubertät werden die ödipalen
Wünsche in gesellschaftlich bedeutungsvolle Szenarien
umgewandelt und stehen zur endgültigen Bewältigung an.
Das Abschied nehmen von der Kindheit ist ein langsamer
und schmerzhafter Prozeß, in dem mit großem Aufwand
Erinnerungen und Erwartungen, durch welche die Libido mit
den Eltern verknüpft wurde, hervorgeholt, neu durchlebt
und neu gedeutet werden.
Neben der Lösung von den Eltern stellen sich dem
Jugendlichen Fragen, in denen deutlich wird, daß sie auf
der Suche nach etwas Größerem als der gewöhnlichen,
alltäglichen Existenz sind. Fragen wie :,, Wie wird sich
meine persönliche Zukunft mit der Zukunft der Welt, in
der ich lebe verbinden?", ,,Gibt es etwas in meinem
Alltag an das ich glauben kann?t1, ,,Sind diese
Überzeugungen von Wert?", ,,Kann ich mich darauf
verlassen?' Anhand der Fragen wird deutlich, daß
Jugendliche auf der Suche nach Werten und Idealen sind,
die sie vertreten können. Auf der Suche danach und dem
Betreten neuer und eigener Wege, besteht die Gefahr, daß
sie sich verlieren und nicht mehr zurückfinden.
Jugendliche, die sich den Prüfungen des Erwachsen
werdens ganz oder teilweise entziehen, können auf der
Suche nach ihrer Identität Phantasien, die ihren
Ausdruck z.B. in der Magersucht, der Hochstapelei, dem
Drogenkonsum und anderen Irrungen des ,,modernen"
Familienlebens erlegen sein. Dazu schreibt Anna Freud,
,,Probleme der Pubertät" (S.1763): ,,Wo Angst und
Hemmung den Weg zu den Objekten der Außenwelt verlegen,
bleibt die Libido im Rahmen der eigenen Person, wo sie
verschiedene Verwendung finden kann. Sie kann Ich und
Über-Ich besetzen, die dadurch exzessive Proportionen
annehmen.
Klinisch bedeutet das, Auftreten von Größenideen,
Machtphantasien und übertriebenen Vorstellungen vom
eigenen Können. Wo die Verherrlichung des eigenen
Leidens im Vordergrund steht, entstehen Christus- und
Erlöserphantasien."
Ängste vor jedem Wandel, jeder Veränderung, führen
zu umfassenden Kontrollwünschen in bezug auf das Selbst
und die Objekte und führen zu Ängsten, nicht mehr real
zu existieren. Werden die Ängste im Ich bewußt,
scheinen sie primären Angstreaktionen zu gleichen und
deuten auf denVerlust sekundärer Angst hin. Auf der
Suche nach realen Angstsituationen durch Risiko und
Abenteuer findet das Bedürfnis nach Sich-wirklich-selbst
fühlen seinen Ausdruck.
Die Ängste des Jugendlichenalters zeigen, daß die
Adoleszenz mehr als einfach nur ein schwieriges Alter
ist. Die Adoleszenz ist eine Zeit in der Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft neu gestaltet werden.
DieAngstformen dieser Entwicklungsphase drücken eine
Regression auf die frühkindliche Trennung aus, mit dem
Ziel ein Mehr an Identität und Autonomie zu erlangen.
Wenn die Adoleszenz vorüber ist, ist der Charakter der
jungen Erwachsenen von den inneren Kämpfen, die sie
durchlebt haben geprägt und es bleiben einige Kind, auch
wenn die Kindheit vorbei ist.
- Literaturverzeichnis
Fritz
Riemarin,
Grundformen der Angst: eine
tiefenpsychologische Studie 1
600.Tsd.- München, 1961
Ulrich Rüger (HG),
Neurotische und reale Angst,
Jörg Wiesel Ängste des
Jugendlichen, Seite 86
Göttingen 1984
Louise J. Kaplan
Abschied von der Kindheit;
eine Studie über die Adoleszenz
aus dem Amerik. übers. von
Hilde Weiler. - Stuttgart 1988